"Der Boden unter den Füßen"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 16.05.2019
Regisseur: Marie Kreutzer
Schauspieler: Valerie Pachner, Pia Hierzegger, Mavie Hörbiger
Entstehungszeitraum: 2019
Land: AT
Freigabealter: 12
Verleih: Salzgeber & Co. Medien
Laufzeit: 112 Min.
Im Hamsterrad des Kapitalismus
Lola (Valerie Pachner), die Protagonistin in Marie Kreutzer Psychodrama "Der Boden unter den Füßen", ist Vollwaise, alleinstehend, kinderlos und eine überaus ehrgeizige Unternehmensberaterin. Ihre straff durchorganisierte Welt könnte perfekt sein, wenn da nicht ihre Halbschwester Conny (Pia Herzegger) wäre, die so ziemlich das absolute Gegenteil von ihr ist. Denn Conny leidet unter paranoider Schizophrenie und kann ihren Alltag kaum selbst regeln. Vor ihren Kollegen und ihrer ebenso selbstoptimierten Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger), mit der sie ein Verhältnis hat, hält die Wienerin ihre große Schwester geheim.

Als Conny nach einem Selbstmordversuch gleich zu Beginn des Dramas wieder einmal in der Psychiatrie landet, schiebt Lola immer wieder Termine vor, damit die mit ihr konkurrierenden Kollegen bloß nichts von ihrer familiären Achillesferse mitbekommen. Kühl und sachlich wie gewohnt versucht sie, die Krise ihrer einzigen verbliebenen Verwandten in den Griff zu bekommen. Doch die launenhafte Conny, die ihre kleine Schwester so penetrant nervt wie einst ein gewisser Toni Erdmann seine Tochter, entzieht Lola mit ihren Wahnvorstellungen nach und nach den titelgebenden Boden unter den Füßen.

Während Lola ein schwächelndes Unternehmen in Rostock gnadenlos auf Effizienz trimmt und dabei auch auf sich selbst keine Rücksicht nimmt, gerät ihr Leben ins Wanken. Sie glaubt, dass ihre Schwester sie aus der Klinik anruft, was eigentlich nicht sein kann, verwechselt schon mal die Wochentage und argwöhnt, dass Elise mit ihr ein doppeltes Spiel spielt. Wahn oder Wirklichkeit? Die Angst davor, nicht mehr richtig zu funktionieren und womöglich sogar auch an paranoider Schizophrenie zu erkranken, lässt die nach außen hin so taffe Lola nicht mehr los. Schließlich warnt ihre Chefin und Geliebte sie auch davor, dass bereits ein simples Burn-out in ihrer Branche so karrieretötend sei wie Lepra.

Immer weiter und weiter

Diese Kluft zwischen der eigenen momentanen Befindlichkeit und der Rolle, die Lola in der turbokapitalistischen Leistungsgesellschaft gnadenlos zu spielen hat, macht das filmische Psychogramm streckenweise so spannend wie einen Mystery-Thriller, in dessen Genre-Kiste sich Regisseurin Kreutzer auch ein wenig bedient. Bis zum recht abrupten Ende rätselt man, ob Lola nun auch selbst erkrankt ist oder nicht, und hofft, dass sie die Kraft findet, aus diesem Hamsterrad auszusteigen. Valerie Pachner als Lola ist großartig in ihrer Unnahbarkeit, die später feine Risse bekommt.

Ein wenig zu akribisch setzt Regisseurin Marie Kreutzer ("Was hat uns bloß so ruiniert?) die krankmachende, von Kamerafrau Leena Koppe in kalte Farben getauchte Arbeitswelt aus provisorischen Büros, sterilen Konferenzräumen, tristen Hotelzimmern und intriganten Kollegen in Szene. Die Spannung kann sie so nicht die ganzen 108 Minuten über halten. Ein paar Kürzungen hätten dem Psychodrama, das im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale lief, sicherlich gut getan.

Dafür gelingt der Regisseurin das Kunststück, subtil aufzuzeigen, wie sehr die bedrückende, unberechenbare Atmosphäre in Lolas Arbeitswelt derjenigen in der psychiatrischen Klinik gleicht, in der Conny untergekommen ist: Letztlich nimmt Lolas Teamleiterin dieselben Medikamente gegen Ängste und Selbstmordgedanken wie die psychisch kranke Schwester. Wie sehr der gnadenlose Kapitalismus bereits in alle Lebensbereiche eingedrungen ist, wie er die Menschen in die Vereinzelung treibt und sie dazu zwingt, ihre eigenen Ängste zu verdrängen oder sich vollständig in ihnen zu verlieren, macht Kreutzers filmisches Psychogramm deutlich.

Von Gabriele Summen

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