Richard Gere zum 70. Geburtstag
Richard Gere zum 70. Geburtstag
Ein Buddhist und Gentleman
Richard Gere wusste wohl ganz genau, was er da tat, am 29. März 1993. Natürlich, ein bisschen nervös wirkte er, als er ans Rednerpult des Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles trat. Immerhin waren weltweit eine Milliarde Augenpaare auf ihn gerichtet. Den Oscar für das beste Szenenbild sollte Gere an jenem Abend vergeben, eine eher kleine Kategorie. Zuvor aber wandte er sich an die Zuschauer, auch an jene im fernen China. "Ich frage mich, ob Deng Xiaoping gerade zusieht", sagte Gere, an den chinesischen Staatspräsidenten gerichtet. "Mit seinen Kindern und Enkelkindern. Und mit dem Wissen, wie schrecklich, schrecklich die Menschenrechtslage in China ist. Nicht nur den eigenen Leuten gegenüber, sondern auch in Tibet." Mehr als 25 Jahre später hält in China Xi Jinping die Zügel in der Hand, straffer noch als seine Vorgänger, und lässt in Hongkong auf Demonstranten einprügeln. Und Richard Gere? Der Schauspieler, der am 31. August 70 Jahre alt wird, ist heute so etwas wie eine Persona non grata in Hollywood, ein Ausgestoßener. Aber einer, der gut damit leben kann.

China ist längst der zweitgrößte Filmmarkt der Welt. Hollywood weiß das natürlich und besetzt immer mehr asiatischstämmige Schauspieler in seinen Filmen, was gut ist. Manchmal aber zieht Hollywood auch den Schwanz ein. "Es gibt Filme, in denen ich nicht mitspielen kann, weil die Chinesen sagen: 'Nicht mit ihm!'", erzählte Richard Gere vor wenigen Jahren dem "Hollywood Reporter". Tatsächlich war der "Pretty Woman"-Star in den letzten Jahren kaum noch in großen Produktionen zu sehen, zuletzt spielte er in einer achtteiligen BBC-Serie ("MotherFatherSon").

Andererseits kann es sich Gere, dessen Vermögen einmal auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt wurde, heute gönnen, auch scheinbar kleine Rollen anzunehmen. Den Politthriller "Norman" etwa sahen in Deutschland nur rund 10.000 Kinogänger; seine Rolle als New Yorker Unternehmer brachte Richard Gere allerdings seine besten Kritiken seit Jahren ein. Er habe sowieso keine Lust, einen Jedi-Ritter in einem Blockbuster zu spielen - "ich war in den letzten drei Jahrzehnten erfolgreich genug, um mir nun kleinere Filme leisten zu können."

Ein Frauenschwarm

Möglich gemacht haben ihm das Kassenschlager wie "American Gigolo" (1980), "Ein Offizier und Gentleman" (1982) und natürlich "Pretty Woman" (1990). Ob er die alten Filme noch schaut? "Jeder Schauspieler kennt diese einsamen Abende im Hotel, an denen man schlaflos mit Jet-Lag durchs Programm zappt und plötzlich denkt: Was ist das denn?", erzählte Gere einmal der Nachrichtenagentur teleschau. "Dann schaut man 30 Sekunden lang ungläubig zu und einem wird klar: Oh Gott, das bin ja ich. Aber es sieht nicht mehr so aus wie ich."

Jahrelang wurde der blendend aussehende Mann, der 1949 in Philadelphia zur Welt kam und in Syracuse im US-Bundesstaat New York aufwuchs, in der Rolle des sanften, selbstbewussten Frauenschwarms besetzt. "Das Klischee sorgt für meinen Lebensunterhalt, und dafür bin ich dankbar!", sagt Gere. "Es wäre eine Lüge zu behaupten, es schmeichele mir nicht, als Frauenschwarm zu gelten. Ich liebe schließlich Frauen!" Und die Frauen liebten ihn. 1999 wurde Gere, damals immerhin schon 50 Jahre alt, zum "Sexiest Man Alive" gekürt. Er hatte Affären mit Kim Basinger und Priscilla Presley, war mit der Schauspielerin Penelope Milford und den Models Cindy Crawford und Carey Lowell verheiratet. Im vergangenen Jahr gab er der jungen Spanierin Alejandra Silva das Ja-Wort, mit der er wenig später seinen zweiten Sohn bekam.

Seit seiner ersten großen Rolle, 1978 in Terrence Malicks "In der Glut des Südens", führt Richard Gere ein öffentliches Leben. Er hat dazu eine wunderbare Anekdote auf Lager: "Es gibt anscheinend keinen Ort, an dem nicht irgendeiner meiner Filme lief. Das Schlüsselerlebnis zu diesem Thema hatte ich vor Jahren in Borneo", erzählt er. "Ein Missionar fuhr uns im Kanu zu einem entlegenen Dorf mitten im Dschungel. Als ich dort an Land ging und durch den Ort lief, fingen die Leute an zu singen: 'Offizier - Gentleman, Offizier - Gentleman'. Ich dachte nur: Oh, mein Gott, jetzt ist alles zu spät!"

Zuflucht im Buddhismus

Vielleicht auch deshalb suchte er schon früh Zuflucht im Buddhismus. Als junger Mann kam er mit der fernöstlichen Lehre in Berührung, studierte später jahrelang den Zen-Buddhismus. Ein Besuch in Nepal Ende der 70er-Jahre, wo seit der chinesischen Besatzung ihrer Heimat viele Tibeter ein neues Zuhause gefunden haben, brachte ihm den tibetischen Buddhismus nahe. Heute ist er ein guter Freund des 14. Dalai Lama und Vorsitzender der International Campaign for Tibet. Das offizielle China hasst ihn dafür. "Wir haben alle Mitgefühl für andere Lebewesen", erklärt Gere seine buddhistische Überzeugung. "Insbesondere für andere Menschen. Jedes Lebewesen kann es nur schwer ertragen, wenn es ein anderes Wesen der eigenen Art leiden sieht. Das ist eigentlich ein natürliches Gefühl, das jedem innewohnt und auf das wir mehr hören sollten."

Wie man diese Lehre konkret lebt, zeigte Gere vor wenigen Wochen in Italien. Da ging der weltbekannte Schauspieler an Bord des Rettungsschiffes "Open Arms", das Dutzende Flüchtlinge aus dem Meer gefischt hatte und nun auf Einfahrt in einen Hafen wartete. Er brachte den 121 Männern, Frauen und Kindern Lebensmittel und sprach mit ihnen über ihre Flucht über das Mittelmeer. Prompt forderte der italienische Innenminister Matteo Salvini den Schauspieler auf, die Flüchtlinge "in seinen Villen" aufzunehmen. Der rechtspopulistische Politiker sei ein "Baby-Trump", entgegnete Richard Gere. "Er hat die gleiche Ignoranz im radikalen Sinne, er macht sich Angst und Hass zunutze." Der Richard Gere, der 1993 mit Deng Xiaoping so hart ins Gericht ging, wäre stolz auf den Richard Gere des Jahres 2019.

Von Sven Hauberg

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